07 May 2026 by lbik

Graz macht Geschichte im Stadtraum sichtbar: Neuer Bericht schafft Grundlage für Umgang mit Straßennamen

Die Stadt Graz präsentierte am 6. Mai 2026 erstmals eine vollständige Langfassung des Endberichts der Expert:innenkommission für Straßennamen.

Auf mehr als 1500 Seiten wurden in dem Bericht alle nach Personen benannten Verkehrsflächen in Graz wissenschaftlich aufgearbeitet und historisch eingeordnet. Das langjährige, von der Stadt Graz geförderte Forschungsprojekt des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung und der Universität Graz erschließt insgesamt 738 personenbezogene Straßennamen. Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des BIK und Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz: „Der rund 1.500 Seiten starke Endbericht, die über die ganze Stadt verteilten Zusatztafeln und die digitale Karte zeigen: Die asphaltierte Geschichtspolitik ist nicht in Stein gemeißelt.“

Neben bereits bekannten Einteilungen in problematische und besonders problematische Namen liefert die Langfassung nun detaillierte biografische Analysen und historische Einordnungen. „Wer durch Graz geht, bewegt sich auch durch Geschichte. Wir wollen, dass diese Geschichte in all ihren Facetten sichtbar und verständlich wird.“, betont Vizebürgermeisterin Judith Schwentner.

Die Ergebnisse zeigen, dass zahlreiche Namensgeber:innen in unterschiedlichen historischen Kontexten stehen – darunter auch mit Bezügen zu Nationalsozialismus, Antisemitismus oder demokratiefeindlichen Haltungen. „Straßennamen sind ein wichtiges Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Und sie sind politische Symbole. Denn die Entscheidung darüber, wem eine Straße gewidmet wurde und wem nicht, welche Straßen umbenannt und eventuell später wieder rückbenannt wurden, geben Aufschluss über den Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte.“, erläutert Barbara Stelzl-Marx.

Die breit aufgestellte Grazer Straßennamenkommission unter dem Vorsitz des Zeithistorikers Stefan Karner, ehemaliger Leiter des BIK, hat alle Straßennamen sorgfältig überprüft und sich einstimmig für Zusatztafeln entschieden – auch bei „belasteten“ Bezeichnungen „Diese geben eine kurze Vita der Persönlichkeit, den Grund der Straßenbenennung und eine allfällige ,Belastung’ des Namensgebers an. Damit schreibt jede Zeile der Zusatztafeln Geschichte, doch manche Zeilen halten inne, um auch den Vorbeigehenden zu fragen, wem er heute zuhört.“, schildert Stefan Karner.

Parallel zur Veröffentlichung des Berichts wurde eine neue digitale Kartendarstellung präsentiert. Diese ermöglicht es, Straßennamen direkt im Stadtplan anzuklicken und Informationen zu den jeweiligen Namensgeber:innen abzurufen. Elke Achleitner, Abteilungsleiterin vom Stadtvermessungsamt: „Damit machen wir historische Hintergründe direkt im Alltag sichtbar und schaffen einen niederschwelligen Zugang zu diesem Wissen für alle Grazer:innen.“

Die Stadt Graz verfolgt einen klaren Zugang im Umgang mit historisch belasteten Straßennamen: Transparenz, Kontextualisierung und Umbenennungen, wo notwendig. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf einer ausgewogeneren Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum. Derzeit sind weniger als zehn Prozent der Grazer Straßen nach Frauen benannt.

Mehr Informationen beim Portal der Stadt Graz und zur Online-Karte

Pressekonferenz am 6. Mai 2026