Konferenz „The Hungarian-Austrian border during the Cold War“
Barbara Stelzl-Marx, Dieter Bacher und Philipp Lesiak gaben Einblick in nachrichtendienstliche Aktivitäten entlang der österreichisch-ungarischen Grenze im Kalten Krieg.
In Fortsetzung der mehr als 8-jährigen Kooperation zwischen dem LBI für Kriegsfolgenforschung und dem Archiv der staatlichen Sicherheitsdienste Ungarns (ABTL) in Budapest fand am 8. Oktober 2025 eine gemeinsame Konferenz im Archiv statt.
Die Vorträge widmeten sich dem legalen und illegalen Grenzverkehr, den Grenzsicherungen entlang des Abschnitts des “Eisernen Vorhangs”, Schmuggel sowie der Gedenkkultur an das Grenzregime und dessen Opfer. Die gemeinsame Veröffentlichung eines Sammelbandes mit den Beiträgen der Konferenz ist geplant.
So unterstrich Philipp Lesiak, Standortkoordinator beim Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, das Potential einer umfassenden Auswertung von Meldungen zur österreichisch-ungarischen Grenze in österreichischen Tageszeitungen mittels der Diskursanalyse. Denn: die Sicherung der österreichisch-ungarischen Staatsgrenze während des Kalten Krieges durch technische Barrieren und militärische Überwachung fand in der österreichischen Öffentlichkeit große Beachtung. Durch Anwendung der Diskursanalyse wird ersichtlich, inwieweit dieser Grenze eine Bedrohung zugeschrieben wurde und wie dies mit der allgemeinen globalen Entwicklung des Kalten Krieges in Zusammenhang gebracht werden kann.
Dieter Bacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung und der Universität Graz, widmete sich in seinem Beitrag den Verbindungen zwischen Schmuggel, illegalem Grenzverkehr und nachrichtendienstlichen Strukturen. Bereits vor der Bildung des „Eisernen Vorhangs“ prägte die Grenze zur Tschechoslowakei und zu Ungarn die Geheimdiensttätigkeit im frühen Kalten Krieg. Da die Region zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, war die Grenze für osteuropäische Dienste weitgehend offen, solange sie mit der sowjetischen Seite kooperierten. Westliche Dienste bemühten sich, über die Aktivitäten informiert zu bleiben, beispielsweise durch Netzwerke in der sowjetischen Zone oder Beobachtung osteuropäischer Geheimdienststationen in Wien. Besonders Schmuggel und illegale Grenzübertritte interessierten die Dienste, da Schmuggler durch ihr Know-How operative Vorteile boten. Am Beispiel der „Benno-Blum-Bande“ zeigte Bacher, wie Zusammenarbeit zwischen Schmugglern und Diensten funktionierte, welche Vorteile und Probleme sie brachte und wie sie das österreichische Operationsfeld prägte.
An der Schnittstelle zwischen Ost und West gelegen, entwickelte sich das vierfach besetzte Österreich im beginnenden Kalten Krieg zu einer der bedeutendsten Spionagedrehscheiben Europas. Westliche Nachrichtendienste interessierten sich dabei besonders auch für Daten über Züge, Fahrpläne, Rangierbahnhöfe und Güterbewegungen, die Rückschlüsse auf Truppenverlegungen oder Materialtransporte in Richtung Osten zuließen. Solche Beobachtungen – oft von Eisenbahnbediensteten weitergegeben – wurden von der Roten Armee als antisowjetische Spionage eingestuft. Anhand mehrerer Fallbeispiele österreichischer und ungarischer Zivilisten, die von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und in geheimen Verfahren zum Tode verurteilt wurden, illustrierte Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung und Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz, in ihrem Beitrag die dramatischen Folgen von Stalins Unrechtsjustiz in Österreich.