Mehr als nur „Operettenkrieger“: Florian Traussnig über das Austrian Battalion der US-Armee
Im Arkadensaal des Grazer Minoritenzentrums schilderte Florian Traussnig die politisch glücklose Geschichte des vor allem von Otto Habsburg ins Leben gerufenen „Österreich-Bataillons“ der US-Armee im Zweiten Weltkrieg. Er warf dabei aber auch ein Schlaglicht auf die Leistungen der „Veteranen“ dieses Bataillons im Kampf gegen den Nationalsozialismus „von außen“.
Mit Verweis auf kreative und „tierische“ zivilgesellschaftliche Proteste in den USA gegen autoritäre Aktivitäten der Regierung Trump eröffnete Kathrin Karloff, Leiterin des Bildungsforums bei den Minoriten und Gastgeberin, Florian Traussnigs Vortrag zu „Otto Habsburgs ‚Operettenkrieger‘?“. Ausgehend vom immer wieder erneuerten Kampf gegen rechtsextremes Gedankengut führte Karloff in „ein noch unbekanntes Kapitel österreichischer Geschichte, mit enger Verzahnung in die USA“ hinein: Nämlich die von Traussnig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, vorgestellte und schillernde Geschichte des sogenannten „Austrian Battalion“, einer austro-amerikanischen Kampfeinheit, die mithelfen sollte, Österreich vom Nationalsozialismus zu befreien.
Diese von Otto Habsburg, einem NS-Gegner und umtriebigem Netzwerker der österreichischen (und monarchistischen) Sache in den USA, und rechtskonservativen exilösterreichischen Akteuren Ende 1942 ins Leben gerufene und nach wenigen Monaten bereits aufgelöste Kampfeinheit der US-Armee gilt bis heute als umstrittenes Politikum und krachend gescheitertes Projekt. Mit Ausnahme von in die USA geflohenen Mitgliedern der Habsburg-Familie wie Carl Ludwig von Habsburg, zwei Brüdern der aristokratischen Trapp-Musikerfamilie oder ein paar Dutzend „Österreichpatrioten“ im US-Exil konnte diese Einheit weder genügend Freiwillige noch die öffentliche, eher antimonarchistische Meinung in den USA für sich gewinnen. Mit mentalitätsgeschichtlich aufschlussreichen Zeitzeugenaussagen, die das Motiv der Wiener Operette biografisch, phänomenologisch und vor allem augenzwinkernd umkreisten, führte Traussnig zunächst durch die kurze Geschichte dieses Nationalbataillons in Camp Atterbury, Indiana. Zwar habe es, so Traussnig, bei konservativen und mitunter jüdischen Bataillonsangehörigen aus Österreich durchaus Zuspruch und sogar imperiale Nostalgiegefühle gegeben, dennoch sei die „Moral“ innerhalb der österreichstämmigen Truppe schlecht gewesen und politische Gegner wie der unfreiwillig zum „Habsburg-Bataillon“ geschickte Kärnter Sozialist Joseph Podlipnig hätten lautstark ihren Protest kundgetan.
Endete die offizielle Erzählung bzw. Debatte rund um das Austrian Battalion bisher stets mit dessen sang- und klangloser Auflösung im Mai 1943 durch das US-Kriegsministerium, so erzählte Traussnig auf Grundlage neu erschlossener US-Archivquellen die Geschichte der soldatischen Akteure und vermeintlich verhinderten „österreichischen Freiheitskämpfer“ dieser Einheit nun weiter. Nach dem Scheitern von „Ottos Bataillon“ hätten viele seiner „Veteranen“ einen bemerkenswerten militärischen Beitrag zum Exilwiderstand gegen den Nationalsozialismus geleistet, meinte der Historiker: Als einfache „Buck Privates“, Verhörsoldaten oder sogar Offiziere der US-Armee. So kämpfte etwa der Ex-Bataillonssoldat und Musiker Rupert von Trapp 1945 als US-Gebirgssoldat und Sanitäter in Italien gegen die Wehrmacht und wurde mit dem Bronze Star ausgezeichnet; der jüdische Bataillonsveteran Kurt Popper aus Wien, ein Sanitäter, Feldchirurg und Verhörsoldat („Ritchie Boy“), verunglückte während seines Einsatzes an der Westfront in Belgien tödlich. Andere, wie der ehemalige Stallbursche und Hausdiener der österreichstämmigen Opernsängerin Maria Jeritza in Los Angeles, „Gustl“ Prossinger, hatten nach ihrem kurzen Dienst im Austrian Battalion mehr Glück: Er überstand den Krieg unbeschadet und verhörte 1947 sogar den hochrangigen NS-Kunsträuber Kajetan Mühlmann.
Der später verdiente Europa-Politiker Otto Habsburg habe bei seinem US-Militärprojekt die exilpatriotische und symbolbeladene Österreich-Erzählung zu hoch eingeschätzt und wohl auch ein politisches Mitspracherecht für sein Haus nach der Befreiung Österreichs im Auge gehabt, resümierte Traussnig. Daher sei das Österreich-Bataillon exil-, aber auch militärpolitisch zum Scheitern verurteilt gewesen. Letztlich, so Traussnig, habe die „Anlehnungsmacht“ USA mehr an harten geopolitischen Interessen und loyalen sowie kampfwilligen Soldaten als an politischen Vorstellungen europäischer Flüchtlinge ein Interesse gehabt. Wie der Vortrag zeigte, haben zahlreiche österreichische Flüchtlingssoldaten eine solche Loyalität zu ihrem Gastland nach dem Scheitern des Austrian Battalion bewiesen und unter teils hohem persönlichen Risiko einen Beitrag zur Niederringung des NS-Regimes in Europa geleistet. Dass „diese österreichischen Männer nicht unbedingt alle Helden waren“, vergaß Traussnig nicht zu ergänzen. Die Gründe, warum sie zu Widerstandskämpfern in der US-Armee wurden, seien stets ambivalent, oft auch pragmatischer Natur gewesen – „so wie die Menschen an sich ambivalent sind.“
Nach der Veranstaltung tauschten sich die engagierten Teilnehmer:innen noch lange mit dem Referenten bei einem Glas Wein aus.
In Kooperation mit dem Bildungsforum bei den Minoriten