In kaleidoskopartigen Bildern fügt die österreichisch-französisch-ukrainische Koproduktion unterschiedliche Schauplätze und Figuren zusammen. Ohne kommentierende Begleitstimme, getragen von langen, ruhigen Einstellungen und eindringlichen Naturaufnahmen, entfaltet sich eine poetische Bildsprache. Sie zeigt Menschen auf der Flucht, jene, die alles verloren haben, und jene, die bleiben – um Widerstand zu leisten oder an einer Form von Normalität festzuhalten. Szenen wie ein Lied zu Weihnachten für Soldaten an der Front verdeutlichen die Spannung zwischen Krieg und Menschlichkeit.
Eröffnet wurde der Abend von Univ.-Prof. Dr. Tatjana Petzer (Institut für Slawistik der Universität Graz) und Univ.-Prof. Dr. Barbara Stelzl-Marx (BIK und Institut für Geschichte der Universität Graz). Stelzl-Marx, die auch die Moderation der anschließenden Diskussion übernahm, bezeichnete „Militantropos“ als „einen stillen, poetischen Film“, der sich bewusst der medialen Überreizung entziehe.
Dr. Mariya Donska, (Research Fellow der Gerda Henkel Stiftung) sprach von den „gravierenden Veränderungen im Leben“, die der Krieg mit sich bringe. Sie schilderte eindrücklich, dass sie sich nie vorstellen hätte können, „dass die Schule, in die ich eingeschult wurde, bombardiert wird oder, dass Freunde von mir nun im Militär dienen“. Ihre Worte machten deutlich, wie tief der Krieg in persönliche Biografien eingreift.
Mag. Dieter Bacher (BIK/Institut für Geschichte der Universität Graz) strich drei zentrale Parallelen zum Zweiten Weltkrieg heraus: die wiederkehrende Erfahrung von Vätern und Söhnen im Krieg, der Versuch, trotz Zerstörung Normalität und Rituale wie Weihnachten aufrechtzuerhalten, und die zentrale Rolle von Bildern und Medien als Teil moderner Kriegsführung.
Tatjana Petzer betonte in ihrem Diskussionsbeitrag, dass die heutigen Bilder vielfach zu einem „blinden Rauschen“ geworden seien. Der Film hingegen zeige mit seinen stillen Bildern mehr, als die heutigen Medien oft zu leisten imstande seien. Der Film gebe Hoffnung für die Zeit danach. „Für unsere Forschungen sind diese Fragen zentral: Was brauchen die Nachkriegsukrainer:innen in Europa? Was wird mit jenen sein, die in Europa Zuflucht gefunden haben?“, betonte die Professorin für Slawistik.
Die Diskussion wurde von Iryna Orlova (Institut für Slawistik) ins Ukrainische übersetzt. Eigens aus Wien war Michaela Klement, Head of Public Affairs der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, angereist.
Der Abend im KIZ RoyalKino zeigte eindrucksvoll, dass wissenschaftliche Perspektiven und künstlerische Zugänge einander produktiv ergänzen können. „Militantropos“ eröffnet einen Raum der Reflexion – über das Menschsein im Krieg, über kollektive Erfahrung und individuelle Verletzlichkeit, aber auch über Hoffnung und die Zeit danach.