15 Juni 2026 von lbik

Spuren sichtbar machen: Rückblick auf die Veranstaltung „Unter der Grasnarbe. Spuren des ehemaligen Lagers Liebenau“

Barbara Stelzl-Marx, Philipp Lesiak und Immanuel Karner sprachen am 10. Juni 2026 im Graz Museum über die Geschichte des ehemaligen Lagers Liebenau und präsentierten den neu überarbeiteten digitalen Rundgang.

Die Veranstaltung wurde von Sibylle Dienesch, Direktorin des Graz Museums, eröffnet. Zu Beginn lud sie zu einer Schweigeminute für die Opfer des Amoklaufs am BORG Dreierschützengasse ein, der sich am Tag der Veranstaltung zum ersten Mal jährte. Sibylle Dienesch verwies dabei auf die Bedeutung des Erinnerns – sowohl an jüngste tragische Ereignisse als auch an historische Verbrechen wie jene im Zusammenhang mit dem Lager Liebenau.

In ihren Grußworten unterstrichen auch Vizebürgermeisterin Judith Schwentner und Kulturstadträtin Claudia Unger die zentrale Rolle der Erinnerungskultur als einen notwendigen und zugleich schmerzenden Bestandteil einer Gesellschaft. Unger hob zudem die erfolgreiche abteilungsübergreifende Zusammenarbeit hervor. Durch das Zusammenspiel von Forschung, Stadtverwaltung, Vermessungsamt und zivilgesellschaftlichem Engagement ist es gelungen, die Geschichte des Lagers Liebenau aus der Vergessenheit zu holen.

Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts und Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz, gab anschließend Einblicke in die historische Forschung zum Lager Liebenau. Die Ausstellung „Lager Liebenau. Ausgraben und Erinnern“ sowie der neu gestaltete digitale Rundgang orientieren sich an fünf Begriffen, die sich von der historischen Bezeichnung des Lagers als „Umsiedlerlager V“ ableiten. Zugleich spiegeln sie die unterschiedlichen Funktionen und Erinnerungsebenen des Ortes wider:

Verführt – als Ort der „Volksgemeinschaft“ und Sammelpunkt für Reichsdeutsche im Zuge der „Heim ins Reich“-Bewegung.

Verschleppt – als Lager für Kriegs- und Zivilgefangene, die unter Zwang u.a. im gegenüberliegenden Puchwerk Arbeitsdienst leisten mussten.

Vernichtet – als Tatort von NS-Endphaseverbrechen. Das Lager diente als Zwischenstation für „Todesmärsche“ ungarischer Jüdinnen und Juden vom „Südostwall“ Richtung KZ Mauthausen; mindestens 34 Menschen wurden hingerichtet.

Verurteilt – als Ort von gesühnter NS-Verbrechen, die nach Kriegsende von einem britischen Militärgericht untersucht und geahndet wurden.

Vergessen – als Ort verdrängten Unrechts, über welches sowohl sinnbildlich als auch im wahrsten Sinne des Wortes Gras gewachsen und aus der Erinnerung der Menschen verschwunden ist.

Philipp Lesiak, Standortkoordinator Raabs, Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, widmete sich anschließend der Frage, wie historische Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vermittelt werden können. Ausgangspunkt waren dabei auch zentrale Forschungsfragen zum ehemaligen Lagergelände: Gibt es noch Gräber? Gibt es noch Überreste der Opfer? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen machte deutlich, dass die Geschichte des Lagers bis heute nicht abgeschlossen ist und weitere Forschung erfordert.
Lesiak schilderte den Weg von den ersten Forschungsergebnissen bis zur Entwicklung konkreter Formen des Erinnerns. Daraus entstanden eine Gedenktafel vor Ort, eine Stolperschwelle beim ehemaligen Puchsteg sowie ein digitaler Rundgang durch das Lager Liebenau. Die überarbeitete Neuauflage dieses Rundgangs wurde im Rahmen der Veranstaltung erstmals präsentiert.

Zum Abschluss stellte Immanuel Karner vom Vermessungsamt Graz die technischen Grundlagen des digitalen Rundgangs vor. Er erläuterte die eingesetzten Methoden, darunter Georeferenzierung und die Auswertung historischer Luftbilder vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Dadurch wird die Geschichte des ehemaligen Lagers heute digital erfahrbar und räumlich nachvollziehbar gemacht.

Die Veranstaltung klang mit einer offenen Fragerunde sowie einem anschließenden Austausch bei Wein und Brezeln aus.

Zum digitalen Rundgang